Aggression. Sinn-voll nutzen.

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Liebe Klienten und Interessierte,

ich möchte Ihnen heute die fiktive Geschichte von einem Mädchen erzählen. Die Erlebnisse, das Geschlecht und das Alter sind austauschbar. Was bleibt sind Überlebensstrategien, die bis ins Alter als Glaubenssatz dienen. So lange, bis es so weh tut, dass sich etwas ändern muss. Bis Beatrix etwas ändern muss.

Beatrix ist zwölf, als ihre Eltern beschließen sich zu trennen. Sie sieht ihren geliebten Vater nun mehr alle zwei Wochenenden. Er ist zu seiner neuen Freundin in eine andere Stadt gezogen. Beatrix versteht nicht viel, was passiert ist. Wie auch. Ihre Eltern reden mit ihr kaum über die neue Situation. Alles was sie weiß, ist, dass die beiden sich viel stritten, bevor Vater dann endgültig nach Frankfurt zog. Mit seiner neuen Frau. Sie ist sehr lieb und ruhig, diese neue Frau. Ganz anders als ihre berufstätige und energische Mutter. Beatrix mag diese neue Frau nicht sonderlich. Sie weiß, dass das nicht fair ist, aber wie könnte sie diese mögen? Sie sieht doch, wie sehr ihre Mutter leidet und weint, wenn ihr Vater sie mit ihr abholen kommt. Wie sie versucht so zu tun, als wäre alles in Ordnung.
Sie bemerkt, dass sie es ihrem Vater immer mehr Recht machen will. Was soll sie sonst auch tun? Sonst verlässt er sie auch noch irgendwann. Er kann manchmal richtig böse gucken und redet dann ein paar Stunden nicht mit ihr, wenn sie etwas falsch gemacht hat. Männer mögen eher die ruhigen, lieben Frauen, schlussfolgert sie. Sie hört auf, im Hockey nach vorne zu preschen. Das kommt bei den älteren Jungs, die sie plötzlich gut findet, bestimmt nicht gut an.
Mit 14 lernt Beatrix ihren ersten Freund Stefan kennen. Er ist schon 16 und Beatrix ist mächtig stolz, dass sie jetzt zusammen gehen. Sie ist so lieb und zuvorkommend, wie sie nur kann. Und trotzdem scheint sie es ihm nie wirklich Recht machen zu können. Mal ist sie ihm zu ruppig, ein anderes Mal soll sie sich nicht anstellen wie ein kleines Mädchen.

Stefan beendet nach einigen Monaten die Beziehung. Er findet jetzt Sabine mit den blonden langen Haaren toll. Und Beatrix glaubt, dass sie Schuld ist. Sie hätte sich noch mehr anstrengen müssen. In der Hockey-Mannschaft ist sie schon lange nicht mehr. Es bekam ihr auch gesundheitlich nicht mehr. Ihr Atem wurde röchelnd und sie konnte beim Mannschaftstempo kaum noch mithalten. Sie trifft weitere Männer. Und verliert sie wieder. Bis sie eines Tages auf Sascha trifft. Der schreit sie an, betrügt sie und verlangt, dass sie ihm von jedem Treffen mit ihren Freundinnen erzählt. Eines Samstag Morgens hält sie sein Geschrei nicht mehr aus und verlässt ihn. Da ist Beatrix 28.
Sie sucht sich professionelle Unterstützung, um diesen schmerzhaften Kreislauf zu durchbrechen. Sie wird mit ihrer alten Überlebensstrategie konfrontiert. Dem unterdrückten Schmerz, der keinen Platz erhielt, als sie zwölf war. Der Angst, die sie schluckte und die ihr die Luft zum Atmen nahm.

Den Schmerz, den sie als junge Frau spüren musste, er musste heftiger sein als das, was sie als Kind erlebt hatte. Sonst wäre sie nicht aufgewacht. Es hat sie viel gekostet. An Gesundheit und Freude. Doch jetzt ist sie erwachsen. Sie ist die Führungskraft ihres Lebens. Ihrer Entscheidungen. Ihres Selbstwerts. Ihr Überleben hängt von keinem anderen Menschen mehr ab. Sie ist frei. Frei zu wählen, wer ihre Gesellschaft verdient hat. Es war ein schmerzhafter Kampf, doch sie hat ihn gekämpft.
Hätten ihre Eltern nicht einfach mit ihr sprechen können? Über das Warum? Und hätten sie die Trennung nicht harmonischer vollziehen können? Nein. Denn ihre Eltern taten das, was sie konnten. Mit den Mitteln, die sie hatten. Mit dem Wissen, das ihrer Generation zur Verfügung stand.

Unsere Generation hat das Wissen und die Mittel, sich anders zu entscheiden, wenn es um unser und das Kindeswohl geht. Wir sollten beides nutzen und nicht zu schnellen Lösungen wie Medikamenten zur Beruhigung von Symptomen greifen, deren Wurzel wir uns nicht anschauen wollen. Es geht auch um das liebe Ritalin und seine Kollegen in der Riege der Methylphenidate, die in Deutschland noch einen Absatz von über 1,5 Tonnen jährlich finden. Die Nebenwirkungen reichen von Depressionen über Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben und Appetitlosigkeit. Eine Rückkehr der Symptome ist bei fehlender Wurzelbehandlung wahrscheinlich. Wie beim Zahnarzt. Da hilft eben manchmal auch nur das Bohren. Nicht das Schmerztabletten einnehmen.

Denn wäre Beatrix ein Junge, hätte dieser sich vielleicht nicht zurück gezogen, sondern mit Aggression und schlechten Noten auf das Chaos um sich herum reagiert. Es wäre wahrscheinlich, dass mindestens ein Erwachsener eine medikamentöse Behandlung empfohlen hätte. Denn Aggressionen sind etwas, was wir Erwachsenen nicht so mögen. Das Laute. Unbequeme. Wir wollen es nur, wenn Gefahr in Verzug ist. 1933 zum Beispiel war so ein Jahr. Oder jetzt, in Sachsen. Aber wie soll man seine Stimme erheben, wenn man sie in den prägenden Jahren nicht nutzen durfte?

Fangen wir an, sie uns selbst zuzugestehen. Die Wut. Die Trauer. Die Angst und die Aggression. Wandeln wir sie in Energie für Veränderung. Erst dann werden wir Kinder nicht mehr dafür ruhig stellen wollen. Und hören auf, uns selbst im Teufels-Kreis zu drehen.

Herzlich
Ihre Eva Klein

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