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Gerechtigkeit bahnt sich ihren Weg. Und was die Vorfälle in den USA mit uns zu tun haben. 

Liebe Klienten und Interessierte, 

die meisten von uns hatten an der ein oder anderen Stelle die Gelegenheit, viel über das, was weltpolitisch und in unseren jeweiligen Mikrokosmos los ist, nachzudenken.

Hier finden Sie heute meine Gedanken, warum das Jahr 2020 das beste ist, was uns passieren konnte. Trotz all der Miseren, und was die Vorfälle in den USA mit uns Deutschen zu tun haben.

In meinem Buch sage ich, dass wir alle erst unseren Turner-Point erreichen und in die Veränderung gehen, wenn unser als normal abgespeichertes Schmerzlevel überschritten wurde. Und das wurde es. Endlich. In mehreren Bereichen.

Ich denke zum einen an die Abwertung praktischen Berufen gegenüber, die sich bereits in meiner Schulzeit abzeichnete. Als Fünftklässlerin einer sogenannten Orientierungsstufe wusste ich bereits nach wenigen Tagen, welche Lehrer auf dem Gymnasium und welche auf dem Real- bzw. Hauptschulzweig unterrichteten. Es war eine Dreiklassengesellschaft. Manche Lehrer sprachen schlichtweg nicht mit den „niederen“, verdrehten leicht die Augen, wenn ihre Namen fielen oder legten ein zynisches Lächeln auf, wenn man über den Mathelehrer sprach, den wir alle vergötterten. Ein Mann mit Herz und Humor, der Fähigkeit erklären und zuhören zu können.
Aber eben ein Hauptschullehrer, den alle zukünftigen Gymnasiasten wie ich in ihrer Laufbahn nur noch in den Pausen sehen würden. Die Klassenkameraden, mit denen man in der 5. und 6. noch gemeinsam im Religionsunterricht Witze machte, ab der 7. war man sich fremd. Von Heute auf Morgen. 
Heute wird diese Arroganz mit dem gestraft, was sie verdient hat: Handwerkertermine, die man 1-2 Jahre im Voraus planen muss und Preisen, die einem die Schuhe ausziehen – selbst beim Schuster.
Für mich stand fest: Ich will zwar Lehrerin werden, aber nicht in einem solchen Setting. 

Dann war da der Besuch als studentische Journalistin beim Landesgericht, als man den Sexualstraftäter laufen lies mit den Worten: „Frau XY, da Sie bereits sexuelle Erfahrungen haben, ist diese Tat nicht als Straftat zu werten. Sie waren schließlich bereits sexuell aktiv. Und Sie, Herr ABC, ich habe Sie im Auge, Sie sind schließlich nicht zum ersten Mal in meinem Gerichtssaal.“
Wahnsinn.
Das war es? Das nannte sich Gerechtigkeit? Ich stand auf. „Das geht doch nicht?!“ Es interessierte niemanden. So ist das manchmal, bei Gericht. „Was hatten Sie an?“ Als ob Männer Tiere wären, die Frauen nicht zu provozieren haben, weil sie sonst, sie können nun einmal nicht anders, außer Rand und Band geraten würden.
Was für Bilder wurden hier vermittelt? Welche Standards gesetzt?
Ich wollte, dass Männer anders erzogen werden. Und Frauen auch. Schließlich war es eine Richterin, die das Urteil sprach.

Und zu guter Letzt ist da das Erlebnis mit 26, als ich einen Schulpsychologen bei seiner Arbeit begleitete. An eine Schule in Mainz. 
Erst einmal war ich erstaunt, wie das Lehrerzimmer aussah. Ich beobachtete eine Lehrerin, die einem Jungen die Tür nur einen Spalt öffnete, um seine Strafarbeit – eine Schönschrift seines Deutschheftes – entgegen zu nehmen. Auf seinen Kommentar: „Oh, hier müsste man aber mal aufräumen“, konnte sie nicht einmal souverän reagieren, sondern musste den Neunjährigen zurechtweisen. 
In der späteren Lehrer-Eltern-Konferenz gab es eine Tischformation im sogenannten U. Über 15 Lehrer in einer Runde hinter Tischen. Der Psychologe mit dabei. Und ich, die es nicht einmal merkte (der Psychologe wies mich später darauf hin), hatte meinen Stuhl aus dem Kreis gezogen. Hier wollte ich nicht dazu gehören. Denn vorne gab es eine Anklagebank und sie waren die Richter. 2 ungepolsterte Stühle, auf denen das Kind mit einem Erziehungsberechtigten Platz zu nehmen hatte. Ich erinnere mich an die Dialoge bevor die jeweiligen Schüler mit ihren Elternteilen die Arena betraten. Abwertend. Geringschätzung. 
Es war ein Armutszeugnis einer ganzen Nation ihren zugezogenen Mitmenschen gegenüber. Schauplatz: eine Schulklasse in einer Kleinstadt in der Mitte ihres Landes.
Es ist das Gefühl deutscher Überlegenheit, offensichtlicher Rassismus, weil man sich einer Frau mit Kopftuch gegenüber als studiertes Wesen überlegen fühlt – besonders wenn man Zeuge ist, wie die Achtjährige ihrer Mutter übersetzen muss. Dabei wohnen die doch schon ewig in Deutschland!
Aber dann der „Anklagepunkt“. Sie störe den Schulunterricht. Womit? Weil sie ihre Strafarbeit ernst genommen hatte.
Sie schrieb, wie ihr befohlen wurde, alle Punkte, die sie als ungerecht empfand, auf, statt sie mitten im Unterricht herauszuposaunen, was die Lehrerin sehr zu stören schien.
Über eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Wurzel – der Ungerechtigkeit – brauchen wir ja gar nicht rechnen.
Nach dieser Woche interessierte das Heft des Mädchens aber niemanden, woraufhin diese wieder zur altbewährten Methode griff, dazwischenrief, zu mehr Fairness ermahnte und nun mit der Scham leben musste, die man vor ihrer hilflosen Mutter auf diese Weise auf sie niederprasseln lies.

Kurzum: Wir haben ein Rassismus-Problem, denn meine Geschichten sind nichts, im Vergleich zu der Anhäufung dessen, was uns Menschen mit anderer Hautfarbe und Herkunft zu erzählen haben. JA, auch deutschen Kindern passieren bescheidene… Dinge. Dort müssen wir ebenfalls kämpfen. Jetzt gerade ist Anti-Rassismus dran. Davon werden sowieso alle profitieren.
Und außerdem basiert unser Reichtum darauf, dass wir ausgewählte Menschengruppen sich nicht entfalten lassen, sie in Bewerberprozessen nur pro forma einladen, Nichtigkeiten als Vorwand des Ausschlusses verwenden. Sie bereits in Kitas und Schulen abhängen, auf Ämtern und in Behörden klein halten. 

Zum Glück tut sich gerade in allen drei angesprochenen Bereichen so vieles und schönerweise lassen wir uns hier von den AktivistInnen aus den USA mitreißen.
#metoo
#blacklivesmatter
#digitalisierunginderschule (ok, an Schulen wünsche ich mir noch viel viel mehr, aber jeder Schritt nach vorne ist ein Grund zum Feiern)

In der Auseinandersetzung mit mir und in meinen RTT-Sitzungen lernte ich, wie sehr mich diese und weitere gesellschaftlichen Irrungen in meiner Freiheit beschnitten hatten. Wie unfrei ich wurde, weil ich keine Trennung zwischen den Hautfarben oder der Schulart gemacht hatte. Meiner Meinung nach konnte mir all das auch passieren. Ausschluss aus Gemeinschaften wirkt, wie wir wissen, wie physischer Missbrauch im Gehirn und somit in unserer empfundenen Realität. Und wer noch emphatisch ist, dem genügt es, das bei anderen zu sehen, um Schmerzen zu empfinden.

Aber, diese Erfahrungen waren eben auch Goldilocks – und das ist rückblickend alles was zählt (schließlich kann man lernen aus Scheiße Gold zu machen) – weil diese Erfahrungen mir meinen Drang nach innerer und äußerer Freiheit brachten. Sie führten auch dazu, dass ich mich selbstständig machte als „Lehrerin“. 

Und das ist mein Appell an Sie:
Was auch immer Sie stört, wo auch immer Ihr Herz sagt, dass das so nicht geht, stehen Sie auf. Immer wieder.

Der Klügere fängt an
Stehen Sie beim Elternabend auf, wenn sich etwas nicht richtig anfühlt. Sammeln Sie Gelder für Kinder, deren Eltern sich die Klassenfahrt oder die Materialien nicht leisten können (die teuren Handys und den Leasing.-Mercedes haben sie nur, weil wir ihnen vermitteln, dass sie ohne all das gar nicht erst unseres Blickes würdig sind) und reichen Sie, wann immer möglich, anderen eine Hand. 
Urteilen wir nicht zu schnell, lernen wir wieder mehr zuzuhören und zu lernen.
Verbinden wir uns mit unseren Herzen und werfen mit Komplimenten um uns. Egal wie verletzt die anderen um uns herum sind, wir bleiben dabei.

Gerechtigkeit bahnt sich ihren Weg. Immer. Wie ein begradigter Fluss. Zuerst denkt man, die Unterdrückung und Zurechtweisung haben Erfolg, bis es, irgendwann, zum großen Knall kommt.

Die Kinder der anderen sind auch unsere. Denn für jedes braucht es ein Dorf. Wir sind alle miteinander verbunden. Mehr denn je wird uns diese Einheit bewusst.

Machen wir was draus.

Bleiben Sie Goldilocks.

Ihre Eva Klein

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